Wenn der Schnee schmilzt und der Rasen wieder sichtbar wird, entdecken viele Gartenbesitzer im Frühling ein rätselhaftes Phänomen. Zwischen den Grashalmen befinden sich plötzlich zahlreiche kleine, kreisrunde Löcher im Boden.
Anders als bei einem Maulwurf fehlt der typische Erdhügel. Die Löcher wirken, als hätte jemand mit einem dicken Schraubendreher systematisch in die Erde gestochen.
Oft bricht dann leichte Panik aus: Sind das die Eingänge von Ratten, Wühlmäusen oder gar gefährlichen Erdwespen?
Aus Sorge um spielende Kinder greifen manche Hausbesitzer sofort zum Gartenschlauch und fluten die Gänge. Als Gärtnermeister möchte ich Sie heute beruhigen und warnen: In fast allen Fällen handelt es sich bei den Verursachern um streng geschützte, extrem nützliche Gartenbewohner.
Ich zeige Ihnen an einem Praxisbeispiel, wie Sie den wahren „Täter“ anhand der Lochgröße ganz einfach identifizieren und warum das Fluten der Löcher ein ökologischer Frevel ist.
„Sind das Rattenlöcher auf meiner Wiese?“
Letzte Woche rief mich Herr Krause an. Er klang sehr besorgt. „Ich habe bestimmt zwanzig kleine Löcher in meinem Rasen gefunden“, erzählte er mir am Telefon. „Sie sind ungefähr so groß wie ein Daumen. Ich habe Angst, dass das Ratten sind. Ich wollte den Gartenschlauch reinhalten, um zu sehen, was herauskommt.“
Ich bat ihn, das Wasser sofort abzudrehen und fuhr zu ihm. Wir knieten uns auf den Rasen und sahen uns die kleinen Hohlräume genau an. Um die Löcher herum lag ein winziger, kreisrunder Rand aus ganz feinem Sand.
„Das sind keine Ratten, Herr Krause“, erklärte ich ihm beruhigt. „Rattenlöcher sind mindestens so groß wie ein Tennisball und liegen meist versteckt unter Büschen oder Komposthaufen, nicht mitten auf dem kurzen Rasen. Was Sie hier sehen, ist das Nest eines der wichtigsten Tiere in unserem Ökosystem: der Sandbiene.“
Die Spurensuche: Wer gräbt da wirklich?
Viele Gartenbesitzer wissen nicht, dass rund 70 Prozent unserer heimischen Wildbienen nicht in Holz oder Insektenhotels nisten, sondern im Boden! Sie graben im Frühling winzige Schächte, in die sie ihre Eier legen.
Wenn Sie Wasser in diese kleinen Löcher schütten, ertränken Sie völlig wehrlose, streng geschützte Bestäuber, die weder aggressiv sind, noch einen Stachel haben, der durch menschliche Haut dringen könnte.
So identifizieren Sie den „Täter“ in Ihrem Garten:
Um Fehlalarme und schädliche Reaktionen zu vermeiden, nutzen Sie diese Profi-Tabelle zur Spurenlese auf dem Rasen:
| Größe und Form des Lochs | Der wahre Verursacher | Experten-Erklärung und Handlungsempfehlung |
| Bleistiftdick, winziges Erdhäufchen | Der Regenwurm | Würmer ziehen nachts abgestorbenes Gras in ihre Röhren. Freuen Sie sich! Das ist der beste, kostenlose Dünger für Ihren Rasen. |
| Daumendick, kreisrund, winziger Sandwall | Die Wildbiene (z.B. Sandbiene) | Tritt oft in Kolonien auf sonnigen, trockenen Rasenstellen auf. Völlig harmlos für Kinder. Nicht fluten! Die Bienen verschwinden nach wenigen Wochen von allein. |
| Trichterförmig, unordentlich, oft 3-5 cm tief | Der Igel oder Vögel (z.B. Amseln, Spechte) | Die Tiere stochern nachts oder in der Dämmerung nach dicken Engerlingen oder Schnakenlarven im Gras. Sie retten Ihren Rasen vor Schädlingen! |
| Tennisballgroß, kein Erdhügel, meist am Rand | Ratte oder Wühlmaus | Meist nicht mitten auf dem Rasen. Bei Wühlmäusen sterben Pflanzenwurzeln ab. Hier können natürliche Vergrämungsmittel (Gerüche) helfen. |
Ein Zeichen für eine intakte Natur
Ich erklärte Herrn Krause, dass er sich über die Erdbienen freuen sollte. Sie bestäuben im Frühling seine Obstbäume viel effektiver als Honigbienen. Da die Tiere nach der Eiablage im späten Frühjahr ohnehin sterben, werden die Löcher durch den nächsten starken Regen bald wieder verschlossen sein und das Gras wächst einfach darüber.
Als ich ihm zeigte, wie friedlich eine kleine, pelzige Sandbiene aus einem der Löcher flog und direkt eine blühende Kirsche ansteuerte, war seine Sorge verschwunden.
Haben Sie nach dem Winter auch schon kleine, mysteriöse Löcher in Ihrem Rasen entdeckt und sich gefragt, welches Tier dort gräbt? Haben Sie aus Sorge vor Schädlingen vielleicht auch schon daran gedacht, die Gänge mit Wasser zu fluten oder zuzuschütten? Identifizieren Sie die wahren Verursacher und schützen Sie unsere bedrohten Wildbienen. Speichern Sie sich diese Spurentabelle ab und teilen Sie diesen ökologischen Ratgeber bei WhatsApp oder in Facebook-Gruppen mit Ihren Nachbarn, damit auch dort keine wehrlosen Insekten aus Unwissenheit ertränkt werden.
