Es ist wohl der bekannteste Öko-Trick in deutschen Haushalten. Das „braune Gold“ aus der Kaffeemaschine wird nach dem Frühstück nicht in den Müll geworfen, sondern fleißig in kleinen Schalen gesammelt, um damit später im Garten die Rosen, den Salat oder die Tomaten zu düngen.
Kaffeesatz gilt in vielen Foren und Zeitschriften als das ultimative, kostenlose Wunder-Dünger-Mittel. Als Gärtnermeister und Bodenexperte muss ich diesem Mythos jedoch dringend etwas entgegensetzen.
Wenn Sie Kaffeesatz blindlings auf all Ihren Beeten verteilen, tun Sie Ihren Pflanzen oft keinen Gefallen – Sie vergiften sie schleichend! Kaffeesatz ist nämlich kein universeller Volldünger, sondern er verändert die chemische Struktur des Bodens drastisch.
Ich zeige Ihnen an einem Kundenbeispiel, warum das braune Pulver manche Pflanzen buchstäblich tötet, wie es auf der Erde gefährlich verschimmelt und bei welchen Blumen es hingegen als echter Turbo-Boost wirkt.
„Meine Lavendel-Sträucher sind komplett vertrocknet“
Letzten Sommer bat mich Frau Schubert um Hilfe. Sie hatte ein wunderschönes, mediterranes Beet mit Lavendel, Salbei und Rosmarin angelegt. Doch die Pflanzen sahen schrecklich aus. Sie waren verkümmert, die Nadeln waren braun und das Wachstum hatte völlig gestoppt.
„Ich pflege sie jeden Tag“, versicherte mir Frau Schubert. „Sie bekommen wenig Wasser und ich dünge sie jede Woche kräftig mit dem Kaffeesatz aus meinem Kaffeevollautomaten. Das soll doch so gut für das Wachstum sein!“
Ich scharrte mit dem Finger auf der Erde. Unter den Pflanzen lag eine dicke, festgebackene Schicht aus Kaffeepulver, die bereits leicht weißlich schimmelte. Ich erklärte ihr, dass sie gerade dabei war, ihre teuren Pflanzen mit bester Absicht zu ersticken und zu verätzen.
Die Chemie des Kaffees: Sauer macht nicht immer lustig
Kaffeesatz ist reich an Stickstoff, Kalium und Phosphor – das stimmt. Das große Problem ist jedoch sein pH-Wert. Kaffeesatz ist stark säurehaltig!
Frau Schuberts mediterrane Kräuter (Lavendel, Rosmarin, Thymian) lieben kalkhaltige, trockene Böden (alkalisches Milieu). Durch die massenhafte Zugabe von Kaffee wurde der Boden extrem sauer. Die Wurzeln des Lavendels erlitten eine Art Säure-Schock und konnten keine Nährstoffe mehr aufnehmen.
Ein weiterer Fehler: Sie hatte den nassen Kaffee einfach obendrauf gestreut. Wenn Kaffeesatz auf der Erde trocknet, bildet er eine betonharte Kruste. Regenwasser perlt ab und fließt weg, statt zu den Wurzeln zu gelangen. Zudem schimmelt nasser Kaffee auf der Erdoberfläche rasend schnell, was Pilzkrankheiten fördert.
Wer Kaffee liebt und wer ihn hasst
Um den Boden nicht zu ruinieren, müssen Sie zwingend zwischen Pflanzen unterscheiden, die Säure lieben (Moorbeetpflanzen), und solchen, die Kalk bevorzugen.
Nutzen Sie diese Profi-Tabelle für Ihren Kaffeesatz:
| Diese Pflanzen lieben Kaffeesatz (Säureliebhaber) | Diese Pflanzen hassen Kaffeesatz (Kalkliebhaber) |
| Hortensien (Kaffee hält blaue Hortensien blau!) | Lavendel & Rosmarin (Sterben bei zu viel Säure ab) |
| Rhododendron & Azaleen (Saurer Boden ist für sie lebenswichtig) | Buchsbaum (Liebt Kalk und wehrt sich gegen Säure) |
| Heidelbeeren / Blaubeeren | Glockenblumen & Astern |
| Tomaten & Zucchini (Starkzehrer, vertragen den Stickstoff sehr gut) | Kohlarten (Brokkoli, Blumenkohl) |
| Rosen (Mögen den Stickstoff und den sauren pH-Wert) | Tulpen & Krokusse |
So düngen Sie richtig mit Kaffee (Die 2-Schritte-Regel)
Ich erklärte Frau Schubert, dass sie den Kaffee für ihre Rosen aufheben sollte. Damit er dort optimal wirkt, müssen Sie zwei simple Regeln beachten:
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Immer trocknen lassen: Sammeln Sie Kaffeesatz niemals feucht in einer Dose! Breiten Sie ihn flach auf einem Teller aus und lassen Sie ihn in der Sonne komplett durchtrocknen. Nur so verhindern Sie gefährlichen Schimmelpilz im Beet.
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Immer einarbeiten, nie streuen: Streuen Sie das Pulver niemals einfach nur auf die Erde um die Pflanze herum. Nehmen Sie eine kleine Harke und arbeiten Sie den getrockneten Kaffeesatz flach in die oberste Erdschicht ein. Erst in der Erde können die Bodenmikroorganismen (und Regenwürmer) das Pulver zersetzen und die Nährstoffe für die Wurzeln freigeben.
Sammeln Sie morgens auch fleißig den Kaffeesatz aus dem Filter, um damit Ihren Garten zu düngen? Haben Sie ihn bisher vielleicht auch ahnungslos unter mediterrane Kräuter oder Buchsbäume gestreut und sich über mangelndes Wachstum gewundert? Schützen Sie Ihren Boden vor der Übersäuerung! Speichern Sie sich diese Tabelle der Säureliebhaber ab. Teilen Sie dieses wichtige Botanik-Wissen bei WhatsApp oder in Facebook-Gartenforen mit Ihren Freunden, damit diese ihre Pflanzen nicht unwissentlich mit Hausmitteln vergiften.
