Es ist ein Fund, der vielen Hausbesitzern im Sommer einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Mitten auf dem gepflegten Rasen, unter der Hecke oder im Blumenbeet klafft plötzlich ein kreisrundes, oft tennissballgroßes Loch in der Erde. Ein Erdhügel fehlt komplett.
Sofort bricht in Garten-Foren und Nachbarschafts-Gruppen Panik aus: „Hilfe, ich habe Schlangenlöcher im Garten!“ Aus purer Angst um spielende Kinder oder den geliebten Hund greifen viele dann zu drastischen Mitteln. Die dunklen Gänge werden mit dem Gartenschlauch geflutet, mit Steinen zugeschüttet oder gar mit Giftködern präpariert.
Als Biologe und Wildtier-Experte muss ich Sie heute dringend beruhigen und mit dem wohl größten Tier-Mythos in deutschen Gärten aufräumen! Ich erkläre Ihnen an einem Praxisbeispiel den biologischen Grund, warum eine Schlange dieses Loch niemals selbst gegraben haben kann.
Wenn Sie lernen, die wahren Architekten dieser Tunnel zu identifizieren, erkennen Sie schnell, dass nicht Gift, sondern oft genau das Gegenteil die Lösung für Ihr Problem ist.
„In meiner Hecke wohnt eine giftige Schlange!“
Vergangenen Juli rief mich Frau Lehmann völlig panisch an. „Ich gehe nicht mehr in meinen Garten“, rief sie in den Hörer. „Unter meiner Kirschlorbeer-Hecke sind drei richtig dicke Löcher in der Erde. Die sind ganz glatt. Mein Nachbar hat gesagt, das sind Schlangenhöhlen. Was ist, wenn das eine Kreuzotter ist und sie meine Katze beißt?“
Ich fuhr zu ihr, kniete mich vor die dunklen Gänge und leuchtete mit einer Taschenlampe hinein. Dann konnte ich Frau Lehmann entwarnen.
„Frau Lehmann“, sagte ich lächelnd. „In Deutschland gibt es keine einzige Schlange, die Löcher gräbt. Schlangen haben nämlich keine Schaufeln.“
Das ist die simple, aber oft vergessene Wahrheit der Anatomie: Einer Schlange fehlen Pfoten, Krallen und harte Schnäbel. Sie ist physisch überhaupt nicht in der Lage, Erde auszuheben oder Tunnel zu graben! Wenn Sie eine Schlange in einem Erdloch verschwinden sehen, hat sie dieses Loch niemals selbst gebaut. Sie hat lediglich ein leerstehendes Haus bezogen.
Die wahren Architekten: Wer baut die Tunnel?
Frau Lehmann wollte wissen, wer dann ihren Garten umgegraben hatte. Die Identifikation ist für die weitere Pflege Ihres Gartens extrem wichtig.
Nutzen Sie diese einfache Checkliste, um den echten Bewohner zu entlarven:
| Größe und Form des Loches | Der wahre Gräber (Die Ursache) | Gefahr für Ihren Garten |
| Daumendick, meist im Rasen | Erd-Kröte oder Wildbienen | Gar keine! Kröten fressen nachts Hunderte Nacktschnecken. Erdbienen sind streng geschützt und harmlos. |
| Golfballgroß, glatter Rand, kein Hügel | Die Wühlmaus (Schermaus) | Hohe Gefahr für Pflanzen! Wühlmäuse fressen unterirdisch die Wurzeln von teuren Stauden und Gemüse ab. Die Pflanzen sterben. |
| Tennisballgroß, oft unter Holz/Kompost | Die Ratte | Gesundheitsgefahr! Ratten suchen Futter. Achten Sie darauf, keine Speisereste auf dem offenen Kompost zu entsorgen. |
Wir fanden an den Löchern von Frau Lehmann kleine Fraßspuren an den Wurzeln. Es waren Wühlmäuse, die dort eine regelrechte unterirdische Stadt gebaut hatten.
Die Schlange als Retter in der Not
„Aber was ist, wenn da jetzt eine Schlange einzieht?“, fragte Frau Lehmann immer noch ängstlich.
Ich erklärte ihr, dass das der absolute Jackpot für ihren Garten wäre. Unsere heimischen Schlangen (in 95 % der Fälle sind es völlig harmlose Ringelnattern oder Schlingnattern) lieben alte Mauselöcher. Sie schlüpfen in die Gänge, um sich dort vor der Mittagshitze zu verstecken oder – und das ist der geniale Punkt – um Jagd auf die Mäuse zu machen!
Eine Ringelnatter in einem Mauseloch ist die beste, kostenloseste und biologischste Schädlingsbekämpfung, die Sie sich als Gartenbesitzer wünschen können. Sie dezimiert die Wühlmaus-Population rasend schnell und rettet die Wurzeln Ihrer Pflanzen.
Haben Sie beim Unkrautjäten oder Rasenmähen auch schon dunkle, glatte Löcher in der Erde entdeckt und sich vor einer Schlangen-Plage gefürchtet? Haben Sie aus Panik vielleicht sogar schon Wasser in die Gänge geschüttet? Legen Sie Ihre Angst ab und vertrauen Sie auf die Gesetze der Anatomie! Untersuchen Sie stattdessen, welcher Nager wirklich Ihre Pflanzen bedroht. Speichern Sie sich diese tierische Checkliste ab und teilen Sie die Fakten zur Beruhigung bei WhatsApp oder in Facebook-Foren mit Ihren Nachbarn, damit auch dort keine nützlichen Wildtiere aus Unwissenheit vertrieben werden.
